Archiv | Leiharbeit RSS for this section

Erwerbsloser schockt Arbeitgeber mit Fragebogen

Diese Aktion ist ein schönes Beispiel für kreativen Widerstand. Dem Arbeitgeber hier wird deutlich gemacht, dass Arbeitgeber nicht einfach über Erwerbslose/Arbeitskräfte verfügen können. Vielmehr sollten auch Erwerbslose/Arbeitnehmer_innen die Wahl über ihren Arbeitgeber haben (Vetragsfreiheit). Mit Hartz IV wird diese festgelegte „Vertragsfreiheit“ durchbrochen. Arbeitgeber werden einseitig begünstig, Erwerbslose haben keine Vertragsfreiheit.
Selbst schon diese „Vertragsfreiheit“ ist zu kritisieren. Da die Arbeiter_innen einem Sachzwang unterliegen (u.a. nach Marx). Die Produktionsmittel liegen in den Händen von wenigen Kapitalist_innen, die Arbeiter_innen müssen ihre Arbeitskraft verkaufen und sich ausbeuten lassen. Um dieses System zu durchbrechen müssen die Produktionsmittel endlich unter demokratische Kontrolle gestellt werden. Demokratisch heißt, dass die Menschen vor Ort über Produktion entscheiden können.
In diesem Sinn steht die Forderung nach der gesamten Bäckerei. (Brot)Krümel alleine reichen nicht aus!

Aufgewacht

Soeben erreicht mich eine E-Mail eines Erwerbslosen, der seinen Angaben nach ein Stellenvermittlungsangebot mit Rechtsfolgenbelehrung von seinem Jobcenter erhalten haben will auf das er sich umgehend bewarb.  Beim Vorstellungsgespräch bei dem Zeitabeitsunternehmen sollte der Bewerber nun einen Personalfragebogen im Eingangsbereich der Personaldienstleistung ausfüllen bevor er in das Büro des Personaldisponenten gehen sollte.

Spontan überreichte der Erwerbslose seinen eigenen Fragebogen, den er vom Arbeitgeber ebenfalls ausgefüllt haben wollte. Während er den Personalfragebogen der Zeitarbeit im Foyer ausfüllte verschwand die Sekretärin am Empfang mit seinem Blatt „Fragebogen für Arbeitgeber“. Nach rund zwei Minuten vernahm der Erwerbslose einen lauten Tumult in den hinteren Geschäftsräumen und der Geschäftsstellenleiter einer renomierten großen Zeitarbeit in der BRD bat den Erwerbslosen sofort die Räumlichkeiten zu verlassen mit der Begründung, daß die Stelle leider anderweitig vergeben sei.

Der Erwerbslose bestand jedoch noch auf eine schriftliche Bescheinigung seitens des Zeitarbeitsunternehmens, daß er das Vorstellungsgespräch auch wahrgenommen hätte einschließlich…

Ursprünglichen Post anzeigen 2.723 weitere Wörter

Advertisements

„Die soziale Ungewissheit ist eigentlich das Schlimmste“- Ein Gespräch mit einem Leiharbeiter

Rolf M. (Name von der Redaktion geändert), ist ein Leiharbeiter, der sich nicht alles gefallen lassen möchte. Deswegen hat er bereits Unterschriften bei Kolleg_Innen gesammelt, sich bei Podiumsdiskussionen eingemischt (dort haben wir uns dann auch kennengelernt) und ebenfalls Kontakt mit Zeitungen aufgenommen.

Er ist über 50 Jahre alt und hat deswegen auch keine Hoffnung auf eine feste Übernahme in einem Betrieb. Die Betriebe sagen nämlich, dass er für die Übernahme zu alt sei, für die Arbeit als Leiharbeiter scheint dies nicht zu gelten. Rolf hat bereits in 11 Betrieben Praxiserfahrungen gesammelt, meistens wurde er von den Chefs gut behandelt. Es gab allerdings auch solche, die ihn nur als „billigen Leiharbeiter“ betrachteten, der nicht fürs Denken, sondern nur für´s Schaffen bezahlt wird.

Rolf hat auch viele Menschen kennengelernt, die aufgrund vom Druck durch das Jobcenter Leiharbeit gemacht haben, obwohl sie es nicht wollten. Sie wollten keine Sanktionen bekommen und haben deswegen lieber eine Arbeit gemacht, die ihnen keinen Spaß gemacht haben. Oftmals hielt sp ein Beschäftigungsverhältnis nicht wirklich lange. In der Regel waren die Betroffenen nach 1 Woche wieder im Jobcenter. Schließlich merkt ein_E Arbeitgeber_In, ob jmd. Lust auf die Tätigkeit hat.

Rolf kritisiert, dass die Leiharbeit ausgenutzt wird und den eigentlichen Zweck verfehlt. Der Zweck sollte die Integration in ein Normalarbeitsverhältnis sein. Zudem werden Leiharbeiter_Innen als Druckmittel gegenüber der Stammbelegschaft verwendet. Die beiden Gruppen werden regelrecht gegeneinander ausgespielt und damit die Belegschaft gespalten. In den Anfängen der Leiharbeit (v.a. mit Einführung von Hartz I) durften die Leiharbeiter_Innen sogar nicht einmal die Sozialräume für Mitarbeiter_Innen benutzen. Dies hat sich nun durch die Verhandlungen der Gewerkschaften verbessert.

Am 18.September 2013 wurde die Verlängerung der Tarifverträge in der Leiharbeit bekannt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat Verbesserungen für die 800.000 Beschäftigten erreicht, u.a. die Erhöhung des Entgeltes. Rolf empfindet den „Abschluss nicht schlecht, [er] geht [ihm allerdings] nicht weit genug [… ]“. In seinen Augen wäre es allgemein notwendig, dass die Lohnentwicklung in der Leiharbeit an die der Festangestellten gekoppelt wird.

Gegen die Verlängerung der Tarifverträge gibt es auch Kritik von linken Gewerkschafter_Innen, die damit den Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ untergraben sehen. Rolf sieht die „Schuld nicht beim DGB oder der IGM, […] sondern bei den christlichen Gewerkschaften. Die haben auf Druck der Zeitarbeitsfirmen, der Jobcenter und der Arbeitsämter […]einen Niedriglohnsektor geschaffen. […]Wenn diese Tarifverträge nicht gewesen wären, dann hätten wir Leiharbeiter[Innen] den selben Lohn wie die Festangestellten.“ Er sagt ebenfalls, dass die Gewerkschaften die Entwicklung der Leiharbeit „verpennt“ hätten. Es wurde fälschlicherweise angenommen, dass die Leiharbeit ein vorübergehendes Phänomen sei, mittlerweile sei dies zu einem eigenen Wirtschaftsbereich geworden.

Aufgrund seiner vielfältigen Erfahrungen in dem Bereich hat Rolf auch einige Forderungen. So sollten Unternehmen mehr Normalarbeitsverhältnisse anbieten, damit der Anreiz zur Beschäftigungsaufnahme erhöht wird. Außerdem soll die „Leiharbeit […] auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt werden.“ Nach der Leiharbeit soll es : „entweder unbefristete Arbeit ohne Probezeit [geben…] oder der/die betroffene Leiharbeiter_In wird entlassen“ Auf diesen Arbeitsplatz dürfe dann allerdings kein_E neue_R Leiharbeiter_In eingestellt werden. Besser noch findet Rolf eine Übernahmegarantie, die unabhängig vom Alter ausgesprochen wird. Damit würde das größte Problem in der Leiharbeit behoben: die Unsicherheit. Er selbst formuliert das so: „Die soziale Ungewissheit ist eigentlich das Schlimmste.“

Das Engagement von Rolf betrifft nicht nur die Leiharbeit direkt, sondern umfasst noch weitere Bereiche. So fordert er einen flächendeckenden Mindestlohn von 9,50€ der nach branchenspezifisch nach oben angepasst werden sollte. Tarifverträge sollten für allgemeinverbindlich erklärt werden, damit aller Arbeiter_Innen der Branche die gleichen Bedingungen haben. Rolf kennt auch viele Minijobber_Innen. Sie „tragen Zeitungen aus, räumen Parkplätze auf […], oftmals 3-4 Minijobs um über die Runden zu kommen.“ Darüber ärgert er sich, denn eigentlich waren Minijobs für einen Zusatzverdienst gedacht.

Besonders besorgt beobachtet er auch die Entwicklung der Armut in Deutschland. Immer mehr v.a. ältere Menschen würden Pfandflaschen aus Mülleimern heraussuchen, damit sie über die Runden kommen. „Das ist eine Schande für das reichste Land in der EU“, schlussfolgert er.

Rolf geht auch auf die (noch bestehende) Bundesregierung ein. Diese würde sich für eine hohe Beschäftigungsquote in Deutschland loben. Die Regierung „hat aber nicht die prekär Beschäftigten erwähnt. […] Wenn diese abgezogen werden, dann wäre die Arbeitslosenquote viel höher.“ Viele Menschen würden auch nicht zum Jobcenter gehen, obwohl sie einen Anspruch auf Leistungen hätten. Der Grund: Sie schämen sich und haben Angst.

Eines ist Rolf auf jeden Fall klar: er wird weiterhin für eine Verbesserung der Situation kämpfen. Das Streikrecht sieht er dafür als gutes und wirkungsvolles Kampfmittel der Arbeiter_Innen, mit dem die Arbeitgeber_Innen schnell zu einer Verbesserung bewegt werden können.

Leiharbeit – ein Mittel, um die internen Zahlen in dem Arbeitsamt zu erreichen?!

Leiharbeit ist die moderne Form der Sklaverei und in Deutschland, auch dank der Hartz-Gesetzgebung, keine Ausnahme mehr. Laut dem Arbeitsamt gab es im April 2013 720.000 Leiharbeiter_Innen. (siehe unten „Quelle“)

Mit dieser erschreckend hohen Zahl sind so viele Schicksale verbunden! Diese Menschen werden als Arbeiter_Innen zweiter Klasse behandelt. Der viel niedrigere Lohn für die gleiche Arbeit ist nur ein Beispiel für die Ungleichbehandlung. Sie müssen länger und mehr arbeiten, als die Stammbelegschaft. Sie wechseln oftmals den Arbeitsplatz oder den Betrieb und haben ein überdurchschnittliches Risiko wieder erwerbslos zu werden. Bei dem Wechsel von Arbeitgeber_Innen werden auch Umzüge erzwungen, die eine Veränderung des privaten Umfelds mit sich bringen. Allein diese erste Sammlung von Tatsachen, macht es in meinen Augen unmöglich die Leiharbeit moralisch-ethisch zu legitimieren.

Was hat das jetzt mit dem Arbeitsamt zu tun? Diese Institution unterstützt die Leiharbeit kräftig durch das Angebot an Bewerber_Innen, die notfalls auch mit Sanktionen dazu bewegt werden sich bei für Leiharbeit zu bewerben.

Im Intranet habe ich aktuelle Verträge zwischen Leiharbeitsunternehmen und dem Arbeitsamt entdeckt, die die Kooperation stärker voranbringen soll. Zusätzlich wird im Intranet noch eine Mustervereinbarung zu einer individuellen Vereinbarung zwischen Arbeitsamt und Leiharbeitsfirma bereitgestellt. In dieser Vereinbarung steht in der Präambel ganz trefflich, was das Ziel ist:

  • „Es ist Grundsatz der Bundesagentur für Arbeit, Zeitarbeitsunternehmen wie alle anderen Unternehmen zu behandeln.“ (s.u. „Mustervereinbarung zwischen Arbeitsämtern und Leiharbeitsfirmen“)

Passend zu diesem Ziel wurde im Mai 2011 ein Vertrag geschlossen, bei der das Arbeitsamt den größten Leiharbeitsfirmen Unterstützung bei der Besetzung von Ausbildungsstellen zugesagt hat. Die Aufgabe der Arbeitsämter besteht darin, als Netzwerkpartner aktiv und sensibilisiert zu sein. (s.u. „Kooperation mit Leiharbeitsfirmen bei Ausbildungsstellen“)
Im Dezember wurden weitere Eckpunkte zur Weiterentwicklung der Zusammenarbeit beschlossen. Ein wichtiges Kernelement ist der Ausbau der IT-Unterstützung, u.a. die Verbindung der Personalverwaltungsprogramme der Leiharbeitsfirmen und der JOBBÖRSE vom Arbeitsamt. (s.u. „Eckpunkte zur Weiterentwicklung der Zusammenarbeit mit der Leiharbeitsbranche“).

In der, oben erwähnten, Mustervereinbarung werden zudem die Dienstleistungen der Arbeitsämter für die Leiharbeitsfirmen aufgelistet. Ein Beispiel ist die „qualifizierte Erstreaktion“. Innerhalb von 48 Stunden bzw. 2 Arbeitstagen muss zu der gemeldeten Leiharbeitsstelle ein Vermittlungsvorschlag an eineN ErwerbsloseN gemacht werden. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass in der JOBBÖRSE an oberster Stelle zuerst die Leiharbeitsstellen aufgeführt werden. Manchmal finden die Suchenden erst auf Seite 6 Stellen, die direkt über den/die Arbeitgeber/in eingestellt werden.
Was spricht jetzt gegen diese ausgefeilte Kooperation mit den Leiharbeitsfirmen?

Als erstes die Moral und die Ethik, die, wie oben erwähnt, keine Legitimation für diese Arbeitsform ermöglicht.

Als zweites die Arbeitsgrundlage vom Arbeitsamt: das SGB III. Im grundsätzlichen Paragrafen zu den Zielen der Arbeitsförderung steht zum einen, dass „die Beschäftigungsstruktur ständig verbessert“ werden soll (§1 Abs.1 S.4; 2. HS). Des Weiteren sollen die Leistungen der Arbeitsförderung unterwertiger Beschäftigung entgegenwirken (§1 Abs.2 Nr.3).

Als dritts spricht der von dem Arbeitsamt eigens erstellte, aktuelle Arbeitsmarktbericht Juli 2013 zum Thema „Zeitarbeit in Deutschland – Aktuelle Entwicklungen“ (s.u. „Arbeitsmarktbericht zur Leiharbeit, Juli 2013“) gegen die Kooperation. So stellt das Arbeitsamt eine hohe Dynamik in der Branche fest. In der zweiten Hälfte vom Jahr 2012 sind zwar 481.000 neue Arbeitsverträge geschlossen worden, allerdings sind auf der anderen Seite 685.000 Verträge beendet worden. Insgesamt betrachtet, hat die Leiharbeit 17% der Beschäftigungsaufnahmen und 16% der Erwerbslosigkeit verursacht. Damit ergibt sich fast ein Nullsummenspiel! EinE Leiharbeiter_In mehr bedeutet auch wieder einE ErwerbsloseN mehr! Die Gewinner sind die einzelnen Arbeitsämter, die Leiharbeitsfirmen und die Kapitalist_Innen. Jetzt haben Unternehmen mehr Möglichkeiten gegen Arbeiter_Innen vorzugehen:

Leiharbeiter_Innen bilden eine gute Grundlage für eine faktische Spaltung der Belegschaft von oben. Erfolgreiche Arbeitskämpfe werden dadurch unrealistischer, zumal die Leiharbeiter_Innen gerne auch als Streikbrecher eingesetzt werden.

In dem Arbeitsmarktbericht werden noch weitere Tatsachen beschrieben. So endet knapp die Hälfte der Leiharbeitsverträge nach weniger als drei Monaten. Dementsprechend ist auch das Risiko für Leiharbeiter überdurchschnittlich höher erwerbslos zu werden.

Vereinfacht, karikiert dargestellt, werden Erwerbslose in eine Branche reingezwängt, aus der sie Großteils ziemlich schnell wieder in die Erwerbslosigkeit zurückkehren. Dieses Prinzip ist schließlich gut um die quantitativen Zahlen zu erreichen. Hauptsache viele in Arbeit und wenn, dann noch die gleiche Person mehrfach in Leiharbeit vermittelt wird, ist das für die Arbeitsämter umso besser. Denn jede Vermittlung zählt, egal in welche Arbeitsstelle (sofern sozialversicherungspflichtig) und egal wie oft die gleiche Person vermittelt wird.

Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun. Aber wer glaubt schon wirklich, dass es der Behörde darum geht?
________________________________________________________________
Dokumente:

Mustervereinbarung zwischen Arbeitsämtern und Leiharbeitsfirmen

Kooperation mit Leiharbeitsfirmen bei Ausbildungsstellen

Eckpunkte zur Weiterentwicklung der Zusammenarbeit mit der Leiharbeitsbranche

________________________________________________________________
Quelle:

Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarktberichterstattung: Der Arbeitsmarkt in Deutschland, Zeitarbeit in Deutschland – Aktuelle Entwicklungen, Nürnberg Juli 2013. http://statistik.arbeitsagentur.de/cae/servlet/contentblob/244170/publicationFile/119019/Arbeitsmarkt-Deutschland-Zeitarbeit-Aktuelle-Entwicklung-1HJ2010.pdf