Armut in Deutschland

Gibt es das überhaupt, Armut in Deutschland? Uns geht es doch allen gut, oder nicht? Klar es gibt Erwerbslose, aber die meckern aber doch auf hohem Niveau, oder?
Diese Fragen dürften die breite öffentliche Wahrnehmung zum Thema Armut wiederspiegeln. Der ideologische Überbau dazu stammt von Helmut Schelsky, der 1953 das Modell der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ entwarf.

Dem Modell zufolge gibt es weder großen Reichtum, noch die große Armut. Allen Menschen geht es gut, sie bewegen sich auf einem ähnlichen Niveau: in der Mitte. Dieser Gedanke klingt wie ein Märchen. Ein alltäglicher Blick genügt um zu merken, dass die Realität völlig anders aussieht:
Immer mehr obdachlose Menschen, die den steigenden Mietpreisen und der Willkür der Behörden zum Opfer gefallen sind. Immer mehr Menschen die Pfandflaschen zu sammeln, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Das sind bereits zwei erschreckende Beispiele für die eiskalte Realität.

Der Soziologe und Armutsforscher Christoph Butterwegge führt noch ein anderes Beispiel heran, um das Problem der Armut in diesem reichen Land zu verdeutlichen:
Wenn eine Schülerin im Winter mit Sandalen und dünnen Klamotten auf dem Schulhof steht und friert, dann wird sie von ihren Mitschüler_Innen ausgelacht. Was ist nun das Schlimmere für die Schülerin, das Frieren oder das sie ausgelacht wird? Das Schlimmere ist die soziale Ausgrenzung, die Mitschüler_Innen akzeptieren sie nicht, machen sich über sie lustig. Das sie in diesem Moment friert, dürfte eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Mit diesem Beispiel wird deutlich, wie sich die Armut in reichen Ländern offenbart: durch Ausgrenzung! Daraufhin ziehen sich die betroffenen Menschen oftmals zurück, sie schämen sich für ihre Situation. In armen Ländern hingegen solidarisieren sich die Armen viel öfter und kämpfen gemeinsam für eine Verbesserung.

Armut in Deutschland ist also ein wachsendes Problem, das nicht wegdefiniert und –diskutiert werden kann. Sie hat zwar in der Gesamtheit ein anderes Gesicht als die Armut in Kalkutta, dadurch ist die Situation aber nicht besser. Im Gegenteil: angesichts dieses Reichtums in diesem Land ist es umso erstaunlicher, dass es so viele Arme gibt.
Was ist also die Ursache von Armut? Bertold Brecht beantwortet die Frage in einer Strophe des Gedichts „Alfabet“ (1934):
„Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.“

Damit wird deutlich, dass Armut erst durch Reichtum möglich wird. In Deutschland hat die Agenda 2010 maßgeblich dazu beigetragen, dass Armut und Reichtum in den letzten 10 Jahren besonders gewachsen sind (siehe Blogeintrag „Entstehung der Agenda 2010“). Für die Reichen gab es Steuersenkungen (Spitzensteuersatz, Körperschaftssteuer), für die Armen gab es mehr Druck und (finanzielle) Belastungen (Mehrwertsteuer, Hartz I-IV). Alles in allem war dies eine Umverteilung von „unten“ nach „oben“. Eine Politik nach dem Matthäus-Effekt: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Mt 25, 29)

Von den Befürworter_Innen der Agenda 2010 wird v.a. die Entwicklung des Niedriglohnsektors gefeiert. So rühmte sich Gerhard Schröder 2005 auf der Weltwirtschaftskonferenz in Davos, dass er „einen der effektivsten Niedriglohnsektoren in Deutschland geschaffen“ hat.

Der Niedriglohnsektor ist in doppelter Hinsicht ein Einfallstor für Armut: zum einen reicht der Lohn kaum für den Lebensunterhalt aus(der Stundenlohn ist für 8 Millionen Menschen in Deutschland niedriger als 9,15€), zum anderen werden nur geringe Rentenbeiträge gezahlt, was dann schließlich in die Altersarmut führt.
Die massive Ausdehnung der Armut war also politisch gewollt und war notwendig um den Reichtum zu steigern. Nach dem Motto: Reichtum muss sich wieder lohnen!
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Quellen:

1. Radiobeitrag von Christoph Butterwegge: „Armut ein einem reichen Land“
Download unter:
https://dl.dropboxusercontent.com/u/32984357/BMag/online/Christoph_Butterwegge-Armut_in_einem_reichen_Land.mp3
Kurzbeschreibung des Beitrags:
http://bmag.wueste-welle.de/2013/04/agenda2010/
http://www.freie-radios.net/54937

2. Zitat aus dem Gedicht „Alfabet“ (1934) von Bertold Brecht:
http://www.woschod.de/2007/08/01/bertolt-brecht-alfabet-1934/

3. Matthäus-Effekt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Matthäus-Prinzip

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2 responses to “Armut in Deutschland”

  1. Carsten Z. says :

    Den NIEDRIGLOHN-ARBEITSZWANG abschaffen!

    Bei Verweigerung einer Niedriglohnarbeit mit weniger als 11 Euro Stundenlohn dürfen keine Sanktionen mehr drohen oder angewendet werden!:

    Eine relativ einfache verwaltungstechnische Maßnahme.
    Höhere Löhne würden sich automatisch einpendeln.
    Die Abwärtsspirale in den Niedriglohnsektor würde gebremst oder sogar gestoppt werden.

    Petition:
    https://www.change.org/de/Petitionen/deutscher-bundestag-den-niedriglohn-arbeitszwang-abschaffen

    Facebook:
    https://www.facebook.com/pages/Niedriglohn-Arbeitszwang-abschaffen/392106020917030

  2. Jenny says :

    https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2013/Datenreport_2013/datenreport_2013_einl.html;jsessionid=CA2A4A3A0A0B986DD7D5EDE2B868C244.cae4

    Dienstag wird es noch mal spannend beim statistischem Bundesamt. Die neuesten Zahlen zu Armut und Arbeitsmarkt werden herausgegeben und kommentiert.

    ———————————————————————————————– -Nie zuvor waren in Deutschland so viele Menschen erwerbstätig. 2012 ist ihre Zahl im siebten Jahr in Folge gestiegen. Das deutsche „Jobwunder“ wird gern zum Vorbild für andere Länder genommen. Ein Blick auf die ungleiche Einkommensverteilung zeichnet ein anderes Bild der deutschen Gesellschaft. Vom wachsenden Wohlstand profitieren längst nicht alle Menschen. Das Risiko, in Armut abzurutschen, ist für einige Gruppen gestiegen.

    Welche Erklärungen gibt es für diese unterschiedlichen Entwicklungen? Was steckt hinter dem deutschen „Jobwunder“? Wer ist besonders von Armut bedroht?

    Antworten auf diese und andere Fragen liefert der „Datenreport 2013.

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