Das Zielsystem der Bundesagentur für Arbeit (Arbeitsamt)

Seit den Hartz I-III-Gesetzen wird, das in der Privatwirtschaft übliche Prinzip „Führen über Ziele“ im Arbeitsamt praktiziert. Jährlich werden Ziele von oben nach unten durchgereicht, intern nennt sich das „Zielvereinbarung“. Dieser Prozess beginnt auf der Vorstandsebene und endet mit roten und grünen Balken, die die Verantwortlichen vorgehalten bekommen. Am Ende des Jahres entscheidet der Grad der Gesamtzielerreichung über Erfolg oder Nicht-Erfolg, über Prämie oder keine Prämie. Diese sogenannten Zielvereinbarungen betrifft die Mitarbeiter_Innen ab Teamleiter_Innen-Ebene aufwärts direkt und die anderen Mitarbeiter_Innen indirekt. Sie bekommen zwar auf unterster Ebene keine Prämie, dafür umso mehr den Druck von oben. Das Thema ist sehr bedeutend, daher stellen sich folgende Fragen: Wie lauten die Zielvorgaben innerhalb dieses Zielsystems? Zu was führt das Zielsystem?

Das oberste Leitprinzip heißt: Menschen und Arbeit zusammenbringen. Darunter gliedern sich folgende 4 übergeordnete Ziele:
1. Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit
2. Beratung und Vermittlung verbessern
3. Mitarbeiter_Innen motivieren
4. Hohe „Kundenzufriedenheit“ erreichen

Diese 4 Punkte sind sehr allgemein formuliert, v.a. das erste lässt allerdings erahnen, um was es den Arbeitsämtern geht: Kosten sparen. Gespart wird u.a. bei den eigenen Mitarbeiter_Innen (siehe Blogeintrag „Personalpolitik der BA“) und bei den Erwerbslosen. Bei den Erwerbslosen sind es v.a. die Maßnahmen (Trainings, Fortbildungen und Umschulungen), bei denen Sparpotenzial vorhanden ist. Der komplette „Maßnahmenmix“ wird für jedes Jahr im Voraus geplant, u.a. wie viele Bewerbungstrainings stattfinden sollten.

Diese Anzahl wird dann bei den externen Bildungsanbietern eingekauft und das Jahr über an die Erwerbslosen verteilt. Das ist bereits ein großes Problem, das die Maßnahmen vollgebucht werden sollen. Dadurch werden auch Erwerbslose, die so ein Training nicht brauchen würden, für die Teilnahme „überredet“. Auf dieses Problem möchte ich an dieser Stelle noch nicht eingehen. Der Punkt an dieser Stelle ist: Wie können bei den Maßnahmen Kosten eingespart werden?

Eine Möglichkeit ist einfach weniger Maßnahmen einzuplanen. Bei Bewerbungstrainings finde ich das persönlich gut. Sie dienen oftmals nur zum demütigenden Test der Verfügbarkeit von Erwerbslosen. Die teureren Fortbildungen und Umschulungen knapper zu bemessen ist in meinen Augen eine Frechheit! Denn nach außen hin, wird die Möglichkeit für Förderungen breit und ausführlich angepriesen (siehe Blogeintrag „Danke, Pinneberg!“; Knut bekommt in dem Comic quasi direkt die nötige Schulung). Die Realität sieht anders aus. Wenn keine Maßnahmenplätze mehr frei sind und auch keine Gelder dafür vorgesehen sind, wird eine Förderung, mit oftmals aus den Fingern gesaugten Argumenten abgelehnt.

Was sind jetzt aber die konkreten Ziele? Die Ziele unterteilen sich in die sogenannten ressourcen- und personalorientierten Ziele, die mit 33% und die operativen Ziele, die mit 67% gewichtet werden. In diesem Post werde ich auf Letzteres eingehen.

Zielindikatoren SGB III

Was lässt sich nun konkret aus diesen Zielindikatoren schließen?
Als erstes spricht bereits die Existenz eines Zielsystems für einen neoliberalen Charakter. Ein Mittel aus der Privatwirtschaft wurde im „sozialen“ Bereich etabliert, McKinsey und Co. sei Dank. Der Fokus wird damit verstärkt auf messbare Ergebnisse gerichtet, soziale Aspekte gehen in diesem System unter. Zudem werden Erwerbslose als „Kunden“ bezeichnet, die in unterschiedliche Kategorien unterteilt werden und für die jeweils unterschiedliche „Produkte“ zur Verfügung stehen. Damit zeigt sich einmal mehr, wie wenig „sozial“ in dem Sozialstaat steckt!

Als zweites wird durch die Zielindikatoren der Schwerpunkt auf die Quantität der Arbeit gelegt. Es geht darum, wie viele Menschen vermittelt werden, wie viele Stellen besetzt wurden, nicht aber darum in welche Stellen vermittelt wird. Symbolisch dafür steht die „Nachhaltigkeitsquote“, die zwar in der Statistik ausgewiesen, nicht aber bemessen wird. Diese Zahl hat also keine Auswirkungen auf die roten und grünen Balken der Arbeitsämter. Die Einführung qualitativer Elemente soll 2014 erfolgen, was mich

Zum dritten Punkt führt. Bei den sogenannten qualitativen Elementen geht es allerdings nicht um die Qualität der Ausbildungs- und Arbeitsstellen. Damit bleibt ein weiteres grundsätzliches Problem im Zielsystem vorhanden: das Prinzip „Hauptsache Arbeit“. Die Argumentation lautet: lieber irgendeine, statt keine Erwerbstätigkeit. Das gilt dann als Legitimation dafür, um Erwerbslose massenweise in schlechte Arbeitsbedingungen zu drücken, notfalls mithilfe von Sanktionen. Die Leiharbeit ist für das Arbeitsamt eines der beliebtesten Arbeitsarten, in denen sie vermitteln. Schließlich ist diese menschenunwürdige, prekäre und unethische Arbeitsform gut um die Zahlen zu erreichen. JedeR Zweite Leiharbeiter_In wird bereits nach 3 Monaten wieder erwerbslos und die Prozedur kann von vorne beginnen. Bei nochmaliger Vermittlung wird das als zusätzliche Integration im System erfasst.

Viertens zeigt sich in der Gewichtung der Indikatoren, wie wichtig dem Arbeitsamt die Meinung der Erwerbslosen
ist: Gerade einmal 6% der operativen Ziele! Das ist wirklich erschreckend.

Alles in allem lohnt es sich also über Alternativen gegenüber eines Zielsystems nachzudenken. Das Mindeste ist ein Paradigmenwechsel von Quantität zu Qualität und die Einbindung der Erwerbslosen und Mitarbeiter_Innen.
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Quelle: Geschäftspolitische Ziele 2013 im Bereich AloV. 7. Novmeber 2012 – Vorstand der BA: Vorstandsbrief zur Planung SGB III 2013

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19 responses to “Das Zielsystem der Bundesagentur für Arbeit (Arbeitsamt)”

  1. Ashtar-Linara says :

    Tja, leider ist die Bundesagentur für Arbeit nicht mehr das gute alte Arbeitsamt… Jetzt mutiert es richtiggehend zu einem fiesen Wirtschaftsunternehmen.
    Ehrlich gesagt: Ich habe Mitgefühl mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Vor allem jenen, die in der Hierarchie ganz unten stehen bzw. dem „Kunden“ gegenübersitzen. Sie sind es, die Angst haben, bald auch dort zu sitzen, wo jetzt die Arbeitslosen sitzen. Allerdings sollten durch diese besch… Situation diese Mitarbeiter/Innen endlich aufwachen, wie es schon einige getan haben, und sich dagegen wehren.
    Und unsereiner kann ihnen dabei helfen: z.B. mit Mitgefühl und offenen Gesprächen, die ihnen Kraft geben und Mut machen. Ich habe damit schon sehr gute Erfahrungen gemacht. (Allerdings ist dies hier auch nicht sooo schwer, da die Mitarbeiter/Innen der Jobbörse von vorne herein sehr, sehr menschlich sind.)

    • Der Souverän says :

      @ Ashtar-Linara

      „(Allerdings ist dies hier auch nicht sooo schwer, da die Mitarbeiter/Innen der Jobbörse von vorne herein sehr, sehr menschlich sind.)“

      Darf ich mal fragen wohin ich meinen Umzug planen darf?

      Der Souverän

    • Unbequem says :

      „Und unsereiner kann ihnen dabei helfen: z.B. mit Mitgefühl und offenen Gesprächen, die ihnen Kraft geben und Mut machen. Ich habe damit schon sehr gute Erfahrungen gemacht.“

      Ehrlich gesagt hält sich mein Mitgefühl für JC-MitarbeiterInnen die im Jahre 2013 noch nicht aufgewacht sind, in überschaubaren Grenzen.

      • Ashtar-Linara says :

        Kann ich nachvollziehen. Aber nach dem Resonanzgesetz, dem wir alle unterliegen, wird es sich dann Dir gegenüber auch in Grenzen halten…
        Aber kann man hoffen? Es hält sich ja IN GRENZEN – also ist ja etwas zumindest vorhanden. *zwinker*

  2. Der Souverän says :

    *ggg* Kannst Du Dir den überhaupt leisten?

    Na klar. Die Kosten drücke ich der Arge rein, mit der Begründung das ich dort schikanefrei und in frieden leben kann. Wenn das kein anerkennungs-würdiger Grund ist, dann gibt es überhaupt keinen.

    Der Souverän

    • Ashtar-Linara says :

      Daraus wird leider nichts werden, wenn Du keine Arbeitsstelle hier vorzuweisen hast. – Leider!

      • Der Souverän says :

        Ist doch völlig egal in welchem Bundesland ich keine Arbeitsstelle vorweisen kann….

        Der Souverän

  3. Unbequem says :

    Interessant ist die Gewichtung der „Nachhaltigkeitsquote“ = 0%!

    Verwundert auch nicht weiter, wenn man das Augenmerk auf die Indikatoren „Integrationsquote SGB III“ und „Anzahl erfolgreich besetzter Stellen“ legt.

    Hier ist eindeutig eine steigende Tendenz zu erkennen, in prekäre Beschäftigung, bzw. in Zeitarbeit zu vermitteln.
    Da ist es nur logisch, dass man kein gesteigertes Interesse an einer Nachhaltigkeit zeigt, warum auch, die ist ja auch gar nicht vorgesehen!

    Da zeigt sich die ganze Dummheit der Verantwortlichen in diesem verlogenen System. Sie stellen sich immer selbst ein Bein und merken es nicht einmal.

    Oder schlimmer… sie halten uns schon für so dämlich, dass wir es nicht bemerken.

  4. Ashtar-Linara says :

    @Der Souverän
    „Ist doch völlig egal in welchem Bundesland ich keine Arbeitsstelle vorweisen kann….“

    Das ist wohl wahr. Hier gibt es leider ja auch fast nix.

  5. Unbequem says :

    „Aber nach dem Resonanzgesetz, dem wir alle unterliegen, wird es sich dann Dir gegenüber auch in Grenzen halten…“

    Die disharmonischen Schwingungen beim Betreten der Agenturen und Jobcenter bereiten mir jedes mal physische Schmerzen. Liegt vermutlich daran, dass meine Sensoren für das Gerechtigkeitsempfinden ganz besonders sensibel reagieren.

    „Aber kann man hoffen? Es hält sich ja IN GRENZEN – also ist ja etwas zumindest vorhanden.“

    Zuweilen ertappe ich mich dabei, so etwas wie Mitleid zu empfinden für die Mitarbeiter, die, würde ich sie außerhalb der Behörde kennen gelernt haben, durchaus Sympathie empfinden könnte.

    • Ashtar-Linara says :

      Glaube ich Dir gerne, dass Du dann physische Schmerzen bekommst. So was tut wirklich weh.
      Wenn Du wieder mal einen Anflug von Mitleid empfindet, stelle es ab, wenn es geht. MitGEFÜHL ist besser. „Leiden“ bringt niemand etwas.

      • Unbequem says :

        Dazu müsste ich in der Lage sein die Beweggründe meines Gegenüber zu verstehen warum er in diesem unmenschlichen System sein Tätigkeitsfeld sieht.

        Gerade dort wo es an entscheidender Stelle an Ethik mangelt, kann man von mir keine Empathie erwarten. Quit pro quo…

        Ich habe es bisher immer so gehalten, dass, wenn ich schon keine bestehenden Strukturen aufbrechen konnte, dass ich mir die Freiheit nehme zu gehen. Ohne Kompromisse und evtl. auftretende negative Konsequenzen.

        Ich kann es nur immer wieder betonen. Für Freiheit und Demokratie muss man persönlich einstehen, sie wird einem nicht geschenkt. Wer glaubt, mit einem Kreuzchen alle vier Jahre, hätte er seine „Pflicht“ erfüllt, der irrt gewaltig.

  6. Ashtar-Linara says :

    Bin ganz Deiner Meinung, was das berühmte Kreuzchen alle vier Jahre angeht. (Habe erst heute die Wahlbenachrichtigung bekommen, sofort zerrissen und in die Tonne geworfen.)

    Nun, was die Beweggründe der Mitarbeiter der AA angeht… Ich nehme halt einmal schwer an, dass sie es tun, weil sie was zum Knabbern brauchen. Sind ja auch nur Menschen und können nicht nur von Luft und Liebe leben.
    Allerdings – ich könnte es auch nicht. Und zwar aus dem Grund, den Du angeführt hast. Leider sind es immer noch zu wenig Leute, die aus Angst sich selbst, respektive die eigene Moral und Ethik, verleugnen.
    Ich verurteile sie nicht, es ist ein – wie Herr Abels auch angeführt hat – Bewusstseinswandel, den jeder selbst vollziehen muss. Ansonsten verliert man sich sich selbst irgendwann, weil man sich selbst nicht mehr Spiegel anschauen kann.

  7. Ashtar-Linara says :

    Interessant, was ich hier gefunden habe: http://www.extremnews.com/nachrichten/vermischtes/d66314869825f02

    • kritischerkommilitone says :

      Hey,

      das hört sich interessant an.

      Hab auch ein Schreiben vom Bezirkspersonalrat von NRW gesehen.

      Glaub Inge hat das gepostet.

      Dort wird die Zentrale ebenfalls kritisiert.

      Hoffe, dass dieser Druck mal etwas bringen wird.

      lg

      Marcel

  8. Unbequem says :

    Na Marcel, durftest Du auch schon den neuen, steuergeldfinanzierten Werbeauftritt, deines Arbeitgebers liken?

    dasbringtmichweiter (an den abgrund)

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