Danke, Pinneberg!

Ich hatte schon so eine Angst, vor Hartz IV. Was würde wohl mit meinem Leben passieren? Was wäre mit dem Leben meiner Mitbewohner? Aber jetzt hat das Jobcenter Pinneberg einen verständlichen Ratgeber herausgegeben:
http://www.jobcenter-kreis-pinneberg.de/index.php/service/aktuelles/item/1080-jobcenter-kreis-pinneberg-ratgeber-arbeitslosengeld-ii-erschienen
Dank der tollen Comicgeschichte, weiß ich nun, dass meine Ängste völlig unbegründet sind. Nehmen wir an, das Arbeitsamt hätte mich bereits erfolglos unter Druck gesetzt. Dann kommt Hartz IV und das Leben wird schlagartig besser!
Wenn es vorher niemanden interessiert hat, wo und mit wem ich lebe, darf ich es jetzt dem Jobcenter erzählen. Gut, vielleicht ist dann meine Wohnung zu groß und zu teuer, aber ich kenne die Immobilienhaie persönlich. Beziehungen zahlen sich einfach aus. Ein kurzer Anruf und ich kann in ein leerstehendes Luxusgebäude einziehen. Es hat schließlich genug davon.
Wenn ich vorher kein Geld hatte, um meinen Kindern die Vereinskosten zu zahlen, dann sind diese Probleme mit dem Jobcenter wie weggewischt. Nach nur wenigen Monaten „Bildungsgutschein“ werden meine Kinder Profisportler und -musikerin. Damit würde sich die Jobsuche eigentlich schon fast erübrigen.
Aber das Jobcenter ist so nett und zahlt mir eine Umschulung zum Berufsrevolutionär und meinE zukünftigeR ArbeitgeberIn schenkt mir eine rote Fahne und drei Monatslöhne im Voraus. Das ist ein Leben. Ohne Jobcenter? Unvorstellbar!
Gut, der einzige Wehrmutstropfen ist das Geld. Erstmal werde ich mich auf weniger einstellen müssen. Aber ich bin kreativ genug auch viel zu sparen. Schließlich kann ich doch einfach in der Fußgängerzone betteln gehen. Gar kein Problem. Am Ende lass ich mir „Ich bin Hartzer“ auf die Stirn tätowieren und die Menschen werden mir von ganz alleine einen roten Teppich ausrollen!
Danke, Pinneberg, für eine Broschüre, die ich gar nicht sarkastisch genug kommentieren kann. Danke, Pinneberg, für das lupenreine Eigentor, das wieder einmal unter Beweis stellt, dass dieses System nichts mehr viel mit Menschenwürde zu tun hat. Der Ratgeber ist ein Ratschlag, ein Schlag mitten in die sozialen Restbestände unserer Gesellschaft. Statt das Jobcenter als Happy-End-Geschichte zu erzählen, solltet ihr der Realität ins Angesicht sehen.

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7 responses to “Danke, Pinneberg!”

  1. Andreas Abels says :

    Und nicht vergessen, Deine 11 Jahre alten Möbel zu verkaufen, da bekommste noch 350€ dafür. 😉

    Wie realitätsfremd muss man eigentlich sein, um solche Tipps zu geben? So alte Möbel lassen sich kaum noch verkaufen, die kannste im besten Falle noch verschenken; es sei denn, es sind echte, antike und gut erhaltene Möbel.

    Stattdessen hätte das Pinneberger Jobcenter lieber die HartzIVler nach Spartipps fragen sollen, denn diese werden oft zwangsläufig zu großen Spar-Profis; denen muss man nun wirklich nicht erzählen, wie sie sparen können.

    Zudem kriege ich immer das Würgen, wenn man erwachsene Menschen wie Kleinstkinder behandelt, denn genau das macht man mittels dieses Comics.

    Und natürlich findet der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit diese Broschüre gaaanz toll, und versteht die ganze Aufregung darüber gaaaar nicht…

    So ist das eben in diesen Zeiten. Da leben Menschen auf dem gleichen Planeten, und die Wahrnehmungen (also das, was man für wahr nimmt/hält) gehen doch oft derart weit auseinander.
    Dieser Effekt in Zeiten der Wandlung wird sich noch verstärken.

  2. Der Souverän says :

    Pinneberg – Spinneberg – ein Berg voller Spinner

    Der Souverän

  3. Berthold Kogge says :

    Was ich an diesem Forum wirklich witzig finde ist, dass es hier Leute gibt, die auf meiner Webseite persönliche Sichtweisen, die nichts mit dem ganzen Thema hier zu tun haben, finden, dieses dann sogar – obwohl es mit dem Themen dieses Forums nicht zu tun hat -, hier hineinstellt, und dann noch auf meine Webseite wirklich primitive und beleidigende Sprüche los lassen. Wie gesagt, über etwas, was mit diesem Forum nichts zu tun hat.

    Aber z.B. das Thema in meinem Blog finden die nicht.

    http://www.berthold-kogge.de/2013/07/19/jobcenter-pinneberg-gibt-ratgeberbrosch%C3%BCre-heraus/#permalink

    http://www.berthold-kogge.de/2013/07/19/l%C3%BCbecker-nachrichten-redakteur-oliver-vogt-verh%C3%B6hnt-alg-ii-empf%C3%A4nger/

    Da fragt man sich wirklich, warum die Leute auf meine Webseite waren. Doch wohl nur um stänkern zu können.

  4. unbequem says :

    Über diesen „Ratgeber“ hätte ich bis vor zehn-fünfzehn Jahren noch geschmunzelt.
    Es gab sie ja schon immer, Ratgeber oder Broschüren, herausgegeben von staatlichen Stellen wo man dachte, herje… auf welchem Planeten leben denn diese Fuzzies die dafür verantwortlich sind.
    Wieder einmal am wahren Leben vorbei, jedoch sehr unterhaltsam.

    Mittlerweile ist bei mir die belustigende Komponente gewichen, wenn ich solche Sachen lese. An deren Stelle ist Angst getreten. Angst darüber… die meinen das Ernst was die da verzapft haben.

    Evtl. nicht direkt zum Thema passend, ein Artikel der die Hintergründe ein wenig beleuchtet:
    http://www.nachrichtenspiegel.de/2013/07/28/dank-an-kohl-schroder-merkel-proletarisierung-verrohung-und-verblodung-deutschlands-lauft-erfolgreich-weiter/

  5. Christian says :

    Echt interessant, wie geschickt dieser Ratgeber die Arbeitslosengeld beziehenden als zurückgeblieben darstellt, indem er in Form eines Commics auftritt. Außerdem fällt auf, dass das Thema Sanktionen nicht auffällt, was allerdings viele Arbeitslose beschäftigen dürfte. Das Wort wird bloß ein Mal genannt, um eine unterschwellige Angst aufzubauen, die auch „Knut“ im Commic verspürt.
    Es wird nur gezeigt, was man tun muss und lassen sollte, aber nicht wie es in der Realität ist, wenn man zum Beispiel einen Termin versäumt oder eben nicht inderfür die Zeitarbeitsfirma für 8€/h am Band stehen will.
    Auch das „Ende gut alles gut“ zeigt einfach wie sinnfrei diese Geschichte doch ist. Nach eineinhalb Jahren Arbeitslosigkeit im Alter von 51 Jahren dürfte die Wahrscheinlichkeit, einen festen Job zu bekommen auch trotz PI² Intigration unter 20% liegen, soweit man das beziffern kann. So sieht man, der positive Verlauf der Geschichte ist nicht der Regelfall, das Ende ist bestenfalls eine Erfindung.

    Aber auch mit Selbstironie und und inhaltlichen Fehlern spart der Rargeber nicht. So beispielsweise, als der Bildungsgutschein überaschend schnell genehmigt ist. Bei welchem Amt geht bitte etwas schneller, als man es zu hoffen wagt? Das kann nur Ironie sein.
    Und das die Familie, am Tag nach dem beschlossen wurde, dass vegetarisch gegessen wird, zur feier des Tages Currywurst essen geht, (man gönnt sich ja sondt nichts) ist wahrscheinlich bei jedem frisch gebackenem Harz4-bezieher die erste Reaktion.

    Und sowieso hat jede 85m² Wohnung für 4 Personen überwiegend positive Seiten. Vorallem, wenn man dorthin zwanghaft ziehen muss. Nicht? Dann erfinden wir eben einen Garten, der zwar klein, aber völlig geeignet zum Gemüse anpflantzen ist. Das spart Geld! Und wer Arbeit sucht, der hat nauch einem Umzug eh nichts besseres zu tun.

  6. Zeitreisender says :

    http://www.werne.de/index.php?id=1182

    Dann schaut mal, wie die Kleinsten hier schon indoktriniert sind, das lustige Jobcenter vergibt Tätigkeiten, und man bekommt Funny Money dafür…. Es ist nur noch pervers, was in der BRD abgeht.

    Zitat:

    Bank

    Bei der Bank kann man seinen Lohn, die Funny Moneys abholen, aber auch ansparen mit einem Sparbuch

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  1. Danke, Pinneberg! | WIR Der ZeitBote Saarland - Juli 29, 2013

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