Weil der Staat uns ausnutzt

Viele Menschen haben Angst vor den Jobcentern. Angst vor der
Kontrolle durch die Geldgeber, Angst vor der Abhängigkeit. Diese
Angst führt zu dem Ergebnis, dass der Gang zum Jobcenter so lange wie
möglich vermieden wird. Sich irgendwie durchschlagen, evtl. mal mit
einem 400-Euro-Job, vielleicht mit ein paar kleinen Ersparnissen oder
guten FreundInnen. „Alles, nur nicht zum Jobcenter gehen“, denken
sich viele Hilfebedürftige.

Auch ein guter Bekannter von mir wollte lieber ohne das Jobcenter
auskommen. Er ist freiberuflich als Übersetzer tätig. Er ist also
von der Auftragslage abhängig. Im Grunde genommen ist die Berufliche
Situation für die meisten Übersetzer stets als prekär zu bezeichnen,
sofern man nicht zu den wenigen Glücklichen gehört, die sich einen Namen
im Bereich der technischen Fachübersetzung gemacht oder einen der dünn
gesäten festen Stellen ergattert haben. Als Grundlage zur Berechnung des
Honorars wird hier ein Zeilenpreis manchmal auch ein Wortpreis
vereinbart, den die Auftraggeber i.d.R. selbst noch während und nach
Bearbeitung eines Auftrages versuchen auf ein teils unverschämtes Niveau
zu drücken. Ferner sind Verkürzungen von Deadlines sowie
zwischengeschaltete Lektorate inmitten des Arbeitsprozesses ohne
vorherige Absprache gängige Praxis. Auftragseinbrüche und die
Dumpingpreis-Politik der sog. Übersetzungsbüros tragen ihr übriges zu
den prekären Verhältnissen bei. Die finanzielle Lage ist hier also stets
unsicher und je nach Auftragslage kann das Einkommen schon einmal
zwischen knapp über dem Existenzminimum bis deutlich unter dem
Existenzminimum schwanken.

Mein Bekannter hat noch das Glück, dass er vor seinem Studium eine
handwerkliche Ausbildung abgeschlossen hat und sich auf
Minijob-Basis etwas dazuverdienen kann. Aber auch
hier schwanken die Einkünfte und bleiben i.d.R., manchmal sogar weit,
unterhalb der Grenze von 400 € monatlich.

So kam es, dass das Geld in einem Monat sehr knapp wurde. So
knapp, dass es wahrscheinlich nicht mehr zum Essen reichen würde. Ihm
blieb daher nichts anderes übrig, als zum Jobcenter zu gehen. Allein
schon der Gedanke führte zu großem Unbehagen: „Den
MitarbeiterInnen im Jobcenter alles erklären müssen, muss das sein?“.
Bereits die „Standard“-Prozedur, mit dem kompliziertenAntrag ist schon
ein ziemlicher Aufwand und kostet große Überwindung.
Schließlich müssen dort alle möglichen Daten angegeben werden. Dazu
kam in seinem Fall noch die „Sondersituation“ als Freiberufler,
bei der die Einkünfte monatlich schwanken. Dies bedeutet eine
komplizierte Aufstellung von Einnahmen und Ausgaben, die nicht von
einem/einer Fachkundigen, sondern von Fall-ManagerInnen des Jobcenters
d.h. fachfremden Laien auf Legitimität überprüft weden.
Und dafür muss das Jobcenter seine Situation erst richtig
verstanden haben.

Mit diesen vielen Gedanken im Kopf ging mein Bekannter, erst nach
längerer Überlegung zum Jobcenter. Glücklicherweise in Begleitung
eines anderen Bekannten, was die Angst auf jeden Fall verringerte. Doch
die Hemmschwelle vor dem „gläsern“ machen der eigenen Person blieb nicht
die einzige Hürde. Nachdem mein Bekannter vormittags die Möglichkeit
hatte zu arbeiten, blieb ihm für die Antragstellung nur der Nachmittag.
An der Rezeption verwehrte man ihm die Antragstellung mit den Worten
„Erstanträge nur zwischen 8:00 und 11:00 Uhr“.

Diese beschriebene Situation zeigt für mich sehr deutlich, dass es
für viele Hilfebedürftige hohe Hürden gibt, überhaupt zum
Jobcenter zu gehen. Viele schlagen sich lieber unterhalb des sogenannten
„Existenzminimums“ durchs Leben, als zum Jobcenter zu gehen. Die Lage dieser
Menschengruppe wird auch als „verdeckte Armut“ beschrieben.
„verdeckt“ deshalb, weil der Staat keine offiziellen Informationen
über diese Armut hat. Wie viele Menschen sich in „verdeckter
Armut“ befinden ist also nicht bekannt. Schätzungen zufolge
beläuft sich die Anzahl auf ca. eine Millionen Menschen! Ein Problem,
von sehr großem Ausmaß also!

Allein von dieser Tatsache ausgehend, muss schon viel falsch gelaufen
sein: Was muss alles passiert sein, damit sich so viele Menschen gar
nicht trauen Hilfe in Anspruch zu nehmen? Wie hilfreich sind
Jobcenter, wenn so viele Menschen lieber größere Armut in den Kauf
nimmt, als Hilfe bei den Ämtern zu beantragen? Letztendlich stellt
sich im Zusammenhang mit der Überschrift die provokante Frage:Wer
nutzt hier wen aus? Hilfebedürftige Menschen den Staat oder doch eher
der Staat die hilfebedürftigen Menschen?

*dieser Text ist mit Unterstützung eines Übersetzers entstanden, wofür ich diesem ausdrücklich danken möchte!*

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , ,

3 responses to “Weil der Staat uns ausnutzt”

  1. Silvia Öksüz says :

    Als während meiner Lehrzeit (1993) der Betrieb dicht machte, brauchte ich nur einen Antrag auszufüllen.
    Nach der Lehre gab es immer mal wieder Zeiten, in denen ich im Winter keine Arbeit hatte. Ist halt so im Baugewerbe.
    Die zu stellenden Anträge wurden immer mehr.
    Dieses Jahr musste ich doch glatt einen Antrag ausfüllen, um einen Antrag für das eigentliche ANtragsformular zu bekommen…
    Zumindest das eigentliche ANtragsformular ist nicht mehr gaaanz so unübersichtlich und kompliziert.

  2. Wissenschaftslektorat says :

    Hey just wanted to give you a brief heads up and let you
    know a few of the pictures aren’t loading correctly. I’m not sure why but I
    think its a linking issue. I’ve tried it in two different web browsers and both show the same results.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: