Meinungsfreiheit oder doch lieber „Befehl“ ausführen?

Aus meiner Meinung mache ich kein Geheimnis. Schließlich leben wir in einem freien Land, in dem auch die Verfassung die Meinungsfreiheit garantiert. Gar kein Problem also, auch mal gegen die Mainstream zu argumentieren, oder?

Mit vielen MitarbeiterInnen und KommilitonInnen habe ich bereits über das Arbeitsamt, das Jobcenter, die Geschäftspolitik und die Gesetze diskutiert. Letztens hatte ich wieder eine Diskussion, diesmal mit einem Stabstellenleiter vom Herrn Weise (also vom Arbeitsamt).

Die erste Diskussion hat bei der Austeritäts- bzw. Sparpolitik in Europa begonnen und endete mit dem Thema der Leiharbeit. Allein der Begriff „Leiharbeit“ würde nicht dem Sprachgebrauch des Arbeitsamtes entsprechen, wurde mir entgegengehalten. „Zeitarbeit“ wäre der richtige Begriff.

In der zweiten Diskussion ging es um das Thema Mobilität in Europa. Mein Gesprächspartner sprach sich gegen eine Aussage von Pervenche Berès (Vorsitzende beim Beschäftigungs- und Sozialausschuss im Europäischen Parlament und Mitglied bei den französischen Sozialisten) aus, in der sie die Mobilitätsförderung zugunsten Deutschlands kritisierte, da Deutschland dieses Ausmaß der Krise erst herbeigeführt hätte. Ich unterstützte die Aussage von Frau Berès und begründete dies. Daraufhin wurde mir erklärt, dass das jetzt bereits das zweite Thema wäre, bei dem ich nicht die Meinung der Geschäftspolitik hätte. Ich wurde mehrfach auf die Loyalitätspflicht meinem Arbeitgeber gegenüber hingewiesen.

Ein paar Tage später gab ich dem Stabsstellenleiter ein Gedicht von Erich Kästner, als Antwort auf die Diskussion, das die Thematik sehr gut auf den Punkt bringt:

Erich Kästner
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
– und es ist sein Beruf etwas zu wollen –
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen?
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt’s dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut – es werden stets Kasernen.
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
____________________________________________________________________________
Die Frage ist daher, inwiefern wir noch von Meinungsfreiheit sprechen können, wenn wir in Deutschland bei Arbeitgebern nicht mehr unsere Meinung sagen dürfen. Klar, wir werden nicht gleich erhängt für unsere Meinung. Es wird aber alles getan, damit es uns so schwer wie möglich ist, bei unserer Meinung zu bleiben und diese zu vertreten.

Im Gegensatz dazu, werden diejenigen, die gehorsam die „Befehle“ ausführen, nicht nachdenken, was sie tun, von oben unterstützt. So wie es auch in dem Gedicht heißt: „Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.“

Wer also Karriere machen möchte, sollte am besten den zweiten Weg wählen. Diejenigen, die sich für die Menschen einsetzen wollen, den ersten

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9 responses to “Meinungsfreiheit oder doch lieber „Befehl“ ausführen?”

  1. Armin Zacharias says :

    Lieber Marcel, Respekt für deinen Mut. Ich bin Tagesvater und mir geht es sehr gut. Bis ich es geschafft habe durch Schwarzarbeit meinen Qualifizierungskurs zum Tagesvater zu finanzieren den mir das Jobcenter Köln verweigerte wusste ich täglich was es heisst sich erniedrigen zu lassen und zum schmarotzenden Rest am Rande der Gesellschaft gezählt zu werden. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Mut deinen emotionalen und gedanklichen Weg öffentlich weiter zu gehen. Selbst wenn dein Weg,aus welchen Gründen auch immer, beim Arbeitsamt zu Ende gehen sollte, sollst Du wissen das für solch´mutige Menschen in Deutschland immer ein Platz mit Respekt und ehrlicher Anerkennung zu finden ist. Liebe Grüße aus Köln, Armin

  2. burgundischlimburg says :

    Wer Gegner der Todesstrafe ist, wird nicht Henker! Wer gegen unser Unterdrückungssystem ist, kann nicht Bestandteil des Systems sein. Das hat seit Jahrzehnten („Marsch durch die Institutionen“) noch nicht ein einziges Mal funktioniert. Wenn es schon aus vielerlei HartzIV-Ecken als besonders mutig beklatscht wird, so ein Blog zu eröffnen, frage ich mich, wann in dieser Sache gegenüber den Staatsorganen völlig resigniert wird. Ich kann nämlich weder in der Causa Hannemann, noch hier irgendein Licht am Ende des Tunnels erblicken.

    • Der Souverän says :

      Der Vergleich hinkt. Der Henker kann nichts positives bewirken. Der kann nur töten und dem Todeskandidaten nicht helfen.

      Ein Fallmanager hingegen kann viele Menschen z.B. vor Sanktionen bewahren, die sie von einem anderen (mit Freuden) erhalten hätten.

      Der Souverän

    • John.F says :

      Kann jemand auch nur einen einzigen Unterschied zu dem altonabloggt und den herkömmlichen Foren erklären?
      Frau Hannemann suhlt sich in der Nähe von Autoren, Profs, TV ,Politiker,(nachlesbar) wobei sie nicht einmal wählerisch damit um geht.Dieses angeblich um den HartzIV Empfängern die Schmach des Hartz-Systems zu entledigen?
      Das Misstrauen wird immer stärker, denn Ihrer Vorgehensweise ist von dem eines Sachbearbeiters nicht mehr zu unterscheiden, hat sie zu lange das JC-Flair eingeatmet!?
      Weshalb benötigte sie knapp 8 Jahre JC Arbeit, wo sie gleichzeitig bekannt gibt, wie hoch ihr IQ ist, und schon mit 10Jahren Brecht las? Erst einmal persönlich absichern(Risiko bitte nur für Andere), um dann als große Macherin heraus zu kommen?
      Wohlweisslich hält sie sich von HartzIv Empfängern fern, nutzt sie nur, wenn das TV dabei ist und so soll ein System abgeschafft werden?
      Da ist wohl der Wunsch, selbst im Rampenlicht zu stehen, die Mutter der Gedanken!
      Frau Hannemann symbolisch Richtung Berlin(Linke natürlich) maschierend, und weh es stellt sich ein HartzIV Empfänger ihr zur Seite, der sofort durch elitäre Begleitung ins Abseits befördert wird.
      Bundesverdienstkreuz, das ist doch das Mindeste was man erwarten kann.
      HartzIv Empfänger, Ihr werden wieder verarscht!

  3. Bigi says :

    Hi,

    gerade habe ich mich hier durchgelesen und ziehe meinen Hut davor, dass du den Mut hast dich innerhalb deiner Ausbildung derart kritisch und offen zu äußern! Mach weiter so, denn es gut was du tust!
    Inge hat bei Facebook auf dich aufmerksam gemacht. Und da ich auch eine Menge zum Thems beitragen kann, biete auch ich dir meine Unterstützung
    an und würde mich freuen, wenn du dich per Email bei mir melden würdest. Dann sehr gern mehr!

    Liebe Grüße aus HH,

    Bigi

  4. ulysses says :

    Die Hartz-Gesetze und der Niedriglohnsektor sind das Grundübel eines Systems das Loyalität fordert, selbst aber Verrat an seinen Schutzbefohlenen begeht und die Fürsorgepflicht gegenüber seinen Söldnern völlig außer Acht lässt. Solch System wird wie selbstredend keine Meinungsfreiheit zulassen; zu groß ist die Gefahr der Zersetzung von Innen her.

  5. Catha says :

    Zeitarbeit? Lustig…

    Für mich fühlt sich das an wie Sklaverei.

    Maul halten, Kopf runter und nicht mehr aufmucken, weil man sonst raus ist. Dazu soll man sich abschinden für wenig Geld, bis die Gesundheit ruiniert ist. Am besten macht man noch 2 oder 3 „Zeitarbeitsjobs“, damit man über die Runden kommt.

    Und die Politik tut ihren Teil dazu, dass immer mehr dort landen bzw. davon bedroht sind.

    Will man das Volk so eigentlich mundtot machen?

    • Volker says :

      … Will man das Volk so eigentlich mundtot machen?

      Ja. Oder genauer, man will es besser kontrollieren und manipulieren können. Hartz IV ist ein perfektes Instrument zur Durchführung von „Teile und herrsche“.

  6. Dirk says :

    Kompliment ! Wunderbare Beschreibung der Zustände im „Land der Befehlsempfänger und Funktionäre“. Weiter so!

    Und schöne Grüsse an den sog. „Stabstellenleiter“, der mutmaßlich mit dem Vorgeben einer gewissen sprachlichen Präzission zu brillieren versucht.

    Möge er registrieren, dass es eigentlich „Arbeitsnehmerüberlassung“ heisst, welche auf dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) beruht. Die Vertragspartner nennt man „Verleiher“ und „Entleiher“.

    Dies gilt als sicher, da ich lange genug intern in der Zentrale eines solchen Unternehmens tätig war. Zufälligerweise handelt es sich um den Dienstleister, der diese Form von Beschäftigung erfunden hat. „Zeitarbeit“ ist bestenfalls ein Synonym – ebenso wie der elegantere Begriff „Personaldienstleisungen“.

    Es fällt auf, dass Vorgesetzte geradezu stereotyp immer dann mit begrifflichen Haarspaltereien beginnen, wenn sie zu kritischen Fragen keine Stellung beziehen wollen oder können. Mit durchschauberen Ablenkungsmanövern sollten die Funktionäre besser mal vorsichtig sein, denn weder liegen diese damit richtig noch glänzt man dabei mit Eleganz.

    Es ist vielmehr das sicherste Indiz dafür, dass derjenige keine Antworten hat. Meist erkennt der Funktionär selbst nicht einmal, dass er durch seinen Ablenkungsversuch eine geistige Bankrotterklärung abgegeben hat.

    Jedenfalls stünde es gerade solchen Vorgesetzen nicht zu, andere Personen auf sprachlicher Ebene herausfordern zu wollen. Besonders nicht den Autor dieser Seite, der gekonnt eine kritische Betrachtungsweise mit tiefgründigen Hintergrundgedanken verbindet. Das Lesen ist kurzweilig und die Erinnerung an Schriftsteller tut gut.

    Ich werde mir ein Lesezeichen setzen und immer wieder reinschauen, weil ich mich schon jetzt auf die folgenden Themen freue. In diesem Sinne, bleiben Sie Sich treu und Ihren Lesern gewogen. Alles Gute und viel Erfolg!

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